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live 20180113 0001Manchmal, da schießt einem ja ganz plötzlich von links ein Gedanke ins Hirn. Das kann ein sehr verrückter Gedanke sein. Und manchmal, da weiß man einfach, dass man das machen muss. Das Package AUĐN und HAMFERĐ klingt schon sehr verlockend. Aber dafür extra nach Island fliegen? Bekloppt! Andererseits habe ich AUĐN auf ihrer Europatour vor ein paar Wochen komplett verpasst, da keines der Konzerte näher als vier Autostunden lag und dann noch alle unter der Woche stattfanden. Hm… Wenn man es nicht gebacken bekommt, vier Stunden im Auto irgendwohin zu fahren, dann setzt man sich halt vier Stunden in den Flieger und fliegt nach Island. Annelogik.

Das Konzert findet im Kulturhaus Iðnó, einem Holzgebäude aus dem 19. Jahrhundert, im Zentrum Reykjavíks statt, direkt am Stadtsee. Und das sieht genauso gut aus, wie es sich anhört und ist mit eine der schönsten Lokalitäten, in denen ich bisher ein Konzert besucht habe. Das heutige Konzert ist eine Doppelrelease-Show. Das neue HAMFERĐ-Album „Tamsins Likam“ ist gerade gestern erschienen, „Farvegir Fyrndar“ von AUĐN ist bereits am 10.11.2017 auf den Markt gekommen. Fast schon logisch, dass die beiden befreundeten Bands ein gemeinsames Releasekonzert organisieren (im März wird es übrigens wieder eines in gleicher Besetzung auf den Färöern geben. Da fahr‘ ich dann aber nicht hin. Irgendwann ist ja auch mal Schluss). Beim Einlass bekommt man – thematisch passend – eine Dose eisgekühltes Føroyar Bjór Black Sheep in die Hand gedrückt. Wunderbar, mein färöisches Lieblingsbier! Na, wenn der Abend schon so beginnt, dann kann das ja eigentlich nur gut werden.

HAMFERĐ
Den Auftakt machen die Färinger HAMFERĐ. Sie sind heute die Gäste und müssen als erstes ran. Jetzt könnte man ja erwarten, dass die Band auf der Releaseshow das neue Album einmal in voller Länge durchspielt. Aber HAMFERĐ tun ja selten das, was man von ihnen erwartet und so startet man mit „Evst“ und „Deyðir Varðar“ erstmal mit Songs vom letzten Album „Evst“ in den Auftritt. Das Publikum ist noch ein ganz klein wenig verhalten, man traut sich nicht direkt vor die Bühne, aber das Iðnó ist gut gefüllt und der Applaus lässt ehrliche Begeisterung vermuten. Erst danach gibt es auch ein paar neue Songs zu hören. Leider jedoch nicht das ganze Album, der Band stehen nur knapp 50 Minuten Spielzeit zur Verfügung. Neben den bereits vorab veröffentlichten „Frosthvarv“ und „Hon Syndrast“, gibt es unter anderem auch „Tvístevndur Meldur“ auf die Ohren. Wie immer strahlen HAMFERĐ auf der Bühne eine gewisse Würde aus, ohne viele Regungen, aber doch mit viel Gefühl werden die Songs präsentiert. Nur Sänger Jón Alderá zeigt zunehmend mehr Bewegung; sein Engagement bei BARREN EARTH scheint hier Spuren zu hinterlassen. Es ist immer wieder unglaublich, welche Stimmungen der Sechser heraufbeschwören kann und das ganz ohne große Showelemente. Selbst mit Ansagen hält man sich wie meistens sehr zurück und das wäre auch schon mein größter Kritikpunkt. Etwas mehr Ansprache würde man sich als Publikum schon wünschen. Aber sei’s drum. Lichtingenieur Egil Barclay Høgenni Hansen zaubert dem Sechser wieder eine Lichtshow, die perfekt auf die Songs abgestimmt ist und ihre Stimmung unterstreicht. Da kann man über den ein oder anderen Verspieler, den die Band sich heute leistet, hinwegsehen. Und immerhin werden die meisten der Songs heute wohl zum allerersten Mal live gespielt. Es war sicher nicht der beste Auftritt von HAMFERĐ, man merkt, dass die Band schon länger nicht mehr zusammen aufgetreten ist, aber wirkliche schlechte Shows der Färinger gibt es ja sowieso nicht. Und ich bin einfach nur glücklich, die Jungs nach anderthalb langen Jahren der Durststrecke wieder live zu sehen.

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AUĐN

Auch die Isländer AUĐN sind eher elegant gekleidet, wenn auch nicht so extrem wie HAMFERĐ. Und dass man für Black Metal nicht zwingend böse aussehen muss, das beweisen sie sofort. Vom ersten Song an geht im ausverkauften Iðnó die Post ab, auf einmal stehen die Fans bis an die Bühne und als Fotograf ist das Durchkommen und einen Platz zum Fotografieren finden gar nicht so einfach. Es wird gemosht, was der Nacken hergibt, während AUĐN ihr neues Album „Farvegir Fyrndar“ runterzocken. Die Band wirkt tight und eingespielt, kein Wunder, sie haben ja auch gerade eine Europatour mit etlichen Konzerten im Vorprogramm von GAAHL’S WYRD hinter sich (und hier und jetzt nehme ich mir fest vor, dass ich AUĐN auf keiner Europatour mehr verpassen werde! Niemand sollte das.). Auch die Isländer sind sehr sparsam mit den Ansagen. Aber als Sänger Hjalti Sveinsson sich beim Publikum bedankt, dass es so zahlreich erschienen ist, weil er dachte, dass er vor einem leeren Saal spielen müsste, da gucke ich schon doof. Bitte was? Egal. Und überhaupt, ich muss es einfach so sagen: AUĐN sind an diesem Abend klar die bessere Band. Was für Songs, was für eine Energie, was für eine Band! Wer auf atmosphärischen Black Metal steht, sollte sich diese Band auf jeden Fall ansehen, sobald er die Gelegenheit dazu hat. Ich bin echt geplättet. Obwohl mir die Truppe ja auf Platte schon gut gefällt. Aber live sind sie einfach nochmal eine Nummer besser.

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Und so kann ich abschließend nur sagen, dass es eine meiner besseren Entscheidungen war, zu diesem Konzert zu kommen, auch wenn es in der Tat etwas bekloppt ist. Schon jetzt kann ich sagen, dass dieser Abend mit Sicherheit in meiner Liste der besten Liveerlebnisse 2018 auftauchen wird. Zwei großartige Bands mit zwei fantastischen neuen Alben auf einem tollen Konzert. Dessen einziges wirkliches Manko es ist, dass es einfach viel zu kurz war. Schon um 23:00 Uhr gehen die Lichter wieder an, auch eine Zugabe von AUĐN gibt es nicht. Keine der Bands hat länger als eine Stunde gespielt. Schade. Dafür gibt es aber noch eine schöne Aftershowparty, mit Kuchen, viel Alkohol, lustigen Gesprächen und rumstehen in der isländischen Kälte, bis wir dann endgültig durch hohe Störtöne (ernsthaft! wie nennt man das auf Deutsch so schön? Vergrämungsgeräte.) vertrieben werden und hinaus ins Schneegestöber müssen. Methoden haben die, die Isländer… (Anne)

 

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